Apollonia

Zeit der Abrechnung

Wahrheit oder Lüge? Unfall oder Mord? Für Polly wird es ungemütlich in der Königsburg - bis sie auf einen alten Bekannten trifft ...

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Leseprobe: Apollonia - Zeit der Abrechnung

1. Kapitel

 „Halt bitte an!“, bat Apollonia.

Marc setzte den Blinker seines dunkelblauen Kleinwagens und fuhr an den Seitenstreifen der schmalen Landstraße.

„Was ist los?“, fragte er.

„Ich möchte es kurz von hier aus auf mich wirken lassen“, antwortete sie und betrachtete durch die Windschutzscheibe die von kahlen Eichen und Birken umgebene Königsburg.

Offenbar hatten Schnee und Frost der letzten Wochen der beigefarbenen Fassade nichts anhaben können. Nach wie vor wirkte ihr Hotel auf sie gepflegt und majestätisch - zumindest aus dieser Entfernung.

Sie beobachtete das rege Treiben davor: Autos jeder Preisklasse hielten an, Männer sowie Frauen stiegen aus und sprachen mit den beiden uniformierten Pagen, die emsig Gepäckstücke hin- und hertrugen.

„Ist ja ´ne Menge los“, bemerkte Marc.

„Wie die meiste Zeit über. Allerdings scheint unser Haus heute besonders gefragt zu sein“, entgegnete sie nachdenklich.

„Können wir weiterfahren?“, fragte er.

Apollonia spürte seinen Blick auf ihrem Gesicht. Sie lächelte ihn an und nickte.

Marc fuhr wieder auf die Landstraße. Als er in die Einfahrt zum Hotel einbog, klopfte Apollonias Herz gewaltig und ihr Magen zog sich zusammen. Gleich würde sie die Königsburg betreten müssen. Es gab kein Zurück.

Marc hielt vor dem Hoteleingang und unverzüglich trat ein junger Page in schwarz-roter Uniform an den Wagen. Apollonia kurbelte das Fenster herunter.

„Guten Tag, Lorenz“, begrüßte sie ihn.

„Frau Seidel! Herzlich willkommen! Ich freue mich, Sie in der Königsburg begrüßen zu dürfen. Sie waren lange fort, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.“

„Einige Monate“, bestätigte sie.

„Wenn Sie gestatten, nehme ich Ihr Gepäck aus dem Kofferraum und fahre das Auto in die Tiefgarage.“

„Nein, danke. Mein Schätzchen parke ich selbst“, schaltete Marc sich ein. „Nichts gegen Sie, aber mein Wagen hat bereits ein paar Jahre auf der Motorhaube und muss noch einige Zeit halten. Ich gebe ihn ungern in fremde Hände.“

„Wie Sie wünschen.“ Der Page kramte etwas aus seiner Jacketttasche. „Bitte, Frau Seidel, hier ist der Schlüssel für die Garage.“

Apollonia nahm ihn entgegen. „Vielen Dank, Lorenz. Ich habe noch ein Anliegen: Sagen Sie meiner Familie nicht, dass wir angekommen sind. Wir wollen sie überraschen. Sie erwarten uns nämlich erst am frühen Abend.“

„Selbstverständlich, Frau Seidel.“ Daraufhin trat er einen Schritt vom Auto zurück.

Marc fuhr in die Garage und parkte nach Apollonias Anweisung neben einem metallicblauen Cabriolet.

„Wow. So einen möchte ich mir auch einmal leisten können“, schwärmte er.

„Du darfst ihn gerne fahren, solange du in Korntal bist. Bei diesem Wetter natürlich nur mit Verdeck“, bot Apollonia ihm an.

Er warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Das ist meiner. Und der Sportwagen daneben gehört meinem Bruder“, erklärte sie.

Marc schaute erneut aus dem Seitenfenster. „Lässt er mich seinen womöglich auch einmal fahren?“

Apollonia prustete los. „Träum weiter. Der hütet sein Schätzchen genauso wie du deins.“

„Schade – wie viel PS hat deiner?“

„170 - glaube ich.“

„Und wie viel schluckt der so?“

„Bitte?“

„Wie ist der Verbrauch?“

„Was weiß ich?“

„Das musst du doch wissen.“

„Muss ich nicht. Er hat mir gefallen, also habe ich ihn gekauft.“

Unvermittelt stieg Marc aus und lugte in das Innere ihres Autos.

„Ledersitze! Ein Traum. Und die Armaturen sind aus Holz! - Polly, was sind das alles für Knöpfe? Wahnsinn!“

Apollonia schwieg. Was interessierte sie in diesem Moment ihr Auto? Sie dachte an das bevorstehende Wiedersehen mit Onkel Paul, Tante Leda und ihrem Bruder Jonathan - und an die Polizistin.

Marc setzte sich zurück in sein Auto und musterte sie.

„Geht’s dir gut?“, fragte er schließlich.

Sie nickte.

„Sieht aber nicht so aus.“ Marc legte eine Hand auf ihre. „Mensch Polly, die ist ja eiskalt“, erschrak er und umfasste ihre beiden Hände. „Fühlst du dich so unbehaglich?“

„Na ja. Ein wenig.“ Nervös und unsicher sah sie ihn an.

„Das wird schon“, beruhigte er sie und nahm sie in seine Arme. „Ich bin bei dir. Und jetzt lass uns reingehen. Ich bin gespannt, wie es in deiner Königsburg aussieht.“ Er ließ sie los und stieg aus. Sie tat es ebenfalls und ging zum Kofferraum.

„Marc, bist du dir sicher, dass du diese Geschichte mit mir durchstehen willst?“

Er nickte.

„Egal, was kommt?“

Er legte den Kopf schief und sah sie skeptisch an.

„Du weißt, was damals mit mir geschehen ist und wo ich gelandet bin“, gab sie zu bedenken.

Marc nahm sie erneut in den Arm.

„Du meinst deinen Nervenzusammenbruch. - Keine Angst, ich habe ein Auge auf dich und diese Polizistin. Wenn ich merke, dass es dir zu viel wird, werde ich dazwischengehen.“

Apollonia seufzte.

„Mach nicht so ein Gesicht. Ich passe auf dich auf - und das ohne Auftrag deines Onkels.“

„Erinnere mich nicht daran! Diese Sache muss ich mit ihm noch klären. Was hat er sich bloß dabei gedacht, als er dich mir als Babysitter hinterhergeschickt hat?“

„Ha, da ist sie ja!“ Er lächelte Apollonia an.

„Wer? Was?“

„Na, meine Polly. Ich dachte schon, ich hätte sie in Wohlnitz vergessen."

„Blödmann“, sagte sie schmunzelnd und stieß ihn leicht in die Seite. „Lass deine Scherze und nimm unser Gepäck aus dem Kofferraum. Dort ist der Fahrstuhl.“

 

2. Kapitel

Nach kurzer Zeit betraten Apollonia und Marc die luxuriöse Eingangshalle des Vier-Sterne-Hotels.

„Willkommen in meiner Königsburg“, sagte sie und genoss den Anblick, der sich ihr bot: Zwei Pagen rollten goldfarbene Kofferwagen über die glänzenden Fliesen, zwei weitere stiegen mit Gepäckstücken in einen Fahrstuhl. Dutzende Gäste schwirrten durch das Entree. Einige begaben sich an die Rezeption, andere standen schwatzend in kleinen Gruppen beieinander oder tranken Kaffee in der Lounge nahe dem Eingangsbereich.

„Was für ein Rummel“, staunte Marc.

„Nicht wahr?“ Sie lächelte, und plötzlich spürte sie, dass ihr die Königsburg mit all ihrer Betriebsamkeit gefehlt hatte.

„Und wie nobel alles aussieht.“

„Findest du?“, fragte Polly.

„Natürlich. Die Hotels, in denen ich für gewöhnlich absteige, haben keine goldglänzenden Fliesen. Ich habe echt Angst, sie mit meinen schnöden Sportschuhen zu verdrecken. Und wie geschniegelt das Personal und die Gäste gekleidet sind! - Muss ich etwa im Speisesaal einen Anzug tragen?“

„Mach dir keine Sorgen. Falls du einen brauchen solltest, wird mein Bruder dir einen leihen können. Obwohl ...“, sie musterte ihn von oben bis unten, „... ich glaube, dass Jonathan ein wenig kleiner und kompakter ist als du.“

„Oh, Polly! Du hättest mir sagen sollen, dass ich feine Klamotten mitnehmen muss.“

„Warte erst einmal ab. Zur Not essen wir in meiner Wohnung. Außerdem bist du nicht irgendein Gast, sondern meiner. Und jetzt komm. Ich stelle dir unseren Chefportier vor.“ Sie zog ihn mit sich zur Rezeption.

„Ein frohes neues Jahr wünsche ich Ihnen, Herr Steinert“, begrüßte sie einen schlanken älteren Herrn mit kurzen grau melierten Haaren. Unter seinem eleganten schwarzen Zweireiher blitzte eine dunkelrote Weste hervor.

„Frau Seidel! Ist das eine Freude, Sie nach Monaten endlich wieder in der Königsburg begrüßen zu dürfen! Ich wünsche Ihnen ebenfalls alles Gute für das neue Jahr.“ Mit ausgestreckter Hand kam er um den Empfangstresen herum auf sie zu.

„Das Hotel scheint ausgebucht zu sein“, sagte Polly.

Der Chefportier nickte. „Bis auf das allerletzte Zimmer. Nur eine der Blockhütten ist noch frei. Unglücklicherweise finden derzeit zwei Veranstaltungen auf einmal statt. Aber darüber wird Sie Ihr Onkel unterrichten. - Wie geht es Ihnen? Haben Sie sich halbwegs erholen können?“, erkundigte er sich.

„Danke, mir geht es prima. Ich möchte Ihnen Marc Arend vorstellen. Er wird einige Zeit mein Gast sein.“

„Guten Tag, Herr Arend“, sagte der Portier und gab Marc lächelnd die Hand. Unvermittelt wurde sein Blick ernst. „Wo bringen wir Sie unter? Ich kann Ihnen die Blockhütte anbieten.“

„Das wird nicht nötig sein. Er wohnt bei mir in meinem Appartement“, sagte Polly und nahm Marcs Hand.

Der Chefportier lächelte. „Ach, so ist das. Wie gedankenlos von mir.“ Herr Steinert ging hinter die Rezeption und griff nach etwas. „Der Schlüssel für Ihre Wohnung. Ihre Familie befindet sich im Appartement Ihres Onkels.“

Polly sah auf ihre Armbanduhr. „15 Uhr - Teezeit.“

Herr Steinert nickte.

Ein junger Kollege wandte sich an ihn und flüsterte ihm etwas zu.

„Bitte entschuldigen Sie mich, Frau Seidel. Ein Gast hat ein Anliegen. Ich werde Lorenz beauftragen, Ihr Gepäck nach oben zu bringen“, sagte der Chefportier.

„Das brauchen Sie nicht“, erwiderte sie. „Wir nehmen unsere Koffer sofort mit hinauf. Nicht wahr, Marc?“

„Ja, ja“, antwortete er unaufmerksam.

Apollonia drehte sich ihm zu. Sein Blick glitt durch die Eingangshalle und blieb an der Decke haften.

„Was ist da oben?“, fragte sie irritiert..

„Diese Kronleuchter - das sind ja die reinsten Ungetüme“, staunte Marc.

An der hohen weißen Decke prangten in einigem Abstand zueinander zwei gigantische goldene Leuchter. Die hellen Lichter tauchten die Eingangshalle in einen warmen Goldton.

"Sind sie nicht großartig? Für diese Lüster habe ich wochenlang mit Jonathan gestritten. Wie du siehst, hat er nachgegeben. Komm, wir müssen zu den Fahrstühlen."